Thinking about myself 66x140 und 128x140cm
Material & Oberfläche
Die Kombination aus Gips und Seidenpapier erzeugt eine spannungsreiche Oberfläche zwischen Härte und Fragilität. Der Gips bildet eine feste, fast schützende Schicht, während das Seidenpapier darunter und darin verletzlich, dünn und brüchig erscheint. Die Falten, Knicke und Risse wirken bewusst belassen – nichts wird geglättet oder korrigiert. Dadurch entsteht der Eindruck, als wäre die Oberfläche das Ergebnis eines inneren Prozesses, nicht einer ästhetischen Absicht.
Das Seidenpapier fungiert wie ein Träger von Erinnerung oder Gedanken, die nicht mehr klar lesbar, aber auch nicht vollständig verschwunden sind.
Farbe & Spraytechnik
Das Spray legt sich wie ein atmosphärischer Schleier über das Werk. Die Farben – Pink, Gelb, Grün, Türkis, irisierende Übergänge – fließen ineinander, ohne Dominanz. Sie wirken emotional statt narrativ.
Durch die Spraytechnik entstehen diffuse Farbräume, die sich gegenseitig durchdringen, ähnlich wechselnder innerer Zustände. Nichts ist klar abgegrenzt, alles bleibt in Schwebe. Die irisierenden Effekte verstärken diesen Eindruck von Instabilität und Selbstbeobachtung: Je nach Blickwinkel verändert sich die Wahrnehmung.
Komposition & Rhythmus
Die Strukturfragmente sind nicht zentral organisiert, sondern scheinbar zufällig über die Fläche verteilt. Diese Unordnung ist wesentlich: Sie verweigert ein Zentrum, ein klares „Ich“. Stattdessen entsteht ein Feld aus Gedankenfragmenten, Inseln der Reflexion, die nebeneinander existieren, ohne sich vollständig zu verbinden.
Der Blick wandert suchend über die Fläche – man bleibt hängen, verliert sich, setzt neu an. Dieses visuelle Umherirren spiegelt den mentalen Zustand des „thinking about myself“.
Spannung zwischen Kontrolle & Loslassen
Das Werk bewegt sich konstant zwischen Kontrolle und Auflösung. Der Gips fixiert, hält fest, während Spray und Seidenpapier sich dem Zugriff entziehen. Dieser Gegensatz lässt sich als innerer Konflikt lesen: der Wunsch nach Klarheit versus die Realität emotionaler Unübersichtlichkeit.
Nichts ist abgeschlossen – alles wirkt wie ein Zwischenzustand.
Bezug zum Titel
Thinking about myself ist kein selbstverliebter, sondern ein fragender Titel. Das Werk illustriert kein Selbstbild, sondern den Akt des Nachdenkens selbst. Die fragmentierte Struktur, die schwebenden Farbräume und die fragile Materialität zeigen ein Ich, das sich beobachtet, hinterfragt und immer wieder neu zusammensetzt.
Gesamtwirkung
Das Werk entfaltet eine leise Intensität. Es drängt sich nicht auf, sondern fordert Zeit und Nähe. Erst beim genauen Hinsehen offenbaren sich die Schichten, Brüche und Überlagerungen.
Es ist eine Arbeit über Selbstwahrnehmung, innere Vielstimmigkeit und die Unmöglichkeit, sich selbst eindeutig festzuschreiben – offen, ehrlich und zutiefst menschlich.